Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia
Schriften der späteren Antike zu ethischen und religiösen Fragen

Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen herausgegeben von

Reinhard Feldmeier, Heinz-Günther Nesselrath (Sprecher), Rainer Hirsch-Luipold


Sapere-Zitat für den Monat August

Athenienses quidem propter commune ius humanitatis ex captivis epistulis Philippi Macedonis hostis sui unam epistulam, cum singulae publice legerentur, recitari prohibuerunt, quae erat ad uxorem Olympiadem conscripta; hosti potius pepercerunt, ne maritale secretum divulgarent, praeferendum rati fas commune proprae ultioni. Tales hostes adversum hostem: tu qualis filius adversum matrem? Vides, quam similia contendam. Tu tamen filius matris epistulas de amore, ut ais, scriptas in isto coetu legis, in quo si aliquem poetam lasciviorem iubereris legere, profecto non auderes; pudore tamen aliquo impedirere. Immo enim nunquam matris tuae litteras attigisses, si ullas alias litteras attigisses.

Die Athener freilich ordneten mit Rücksicht auf das allgemeine Rechtsempfinden der Menschheit an, dass von den abgefangenen Briefen ihres Feindes Philipp des Makedoniers, als sie einzeln öffentlich vorgelesen wurden, ein einziger nicht verlesen würde, der an seine Frau Olympias geschrieben war; sie schonten lieber den Feind, um keine ehelichen Vertraulichkeiten auszuplaudern, in der Überzeugung, dass das allgemein Rechtsverbindliche höher zu halten sei als ihre eigene Rache. So verhielten sie sich als Feinde gegen den Feind; wie verhältst du dich aber als Sohn gegenüber deiner Mutter? Du siehst, wie ähnlich ist, was ich vergleiche. Du freilich, als Sohn, liest deiner Mutter Liebesbriefe, wie du sie nennst, in dieser Versammlung hier vor, in der, wenn man dich einen etwas übermütigeren Dichter vorzulesen hieße, du dich wahrhaftig nicht trauen würdest; du würdest doch noch von einem Rest Scham gehemmt. Hingegen hättest du niemals Schriften deiner Mutter angefasst, wenn du dich jemals mit anderen Schriften befasst hättest.

Apuleius, Über die Magie (De magia), Sapere-Bd. 5, S. 202f.

Jörg von Alvensleben, 01.08.2016


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